In Spanien ist manches anders als in Deutschland
Es hat nichts mit Voreingenommenheit oder Verallgemeinerung zu tun: Die Lebensgewohnheiten der Spanier unterscheiden sich in vielen Dingen von denen der Deutschen. Wer also eine wirkliche soziale Eingliederung sucht, sollte sich mit den Umgangsformen und Sitten in Spanien ein wenig vertraut machen.
Der erste und wichtigste Unterschied liegt natürlich in der Sprache. Wer plant, sich längerfristig in Spanien niederzulassen, sollte in jedem Fall bereit sein, Spanisch zu lernen. Außerhalb der reinen Touristenzonen trifft man selten auf Spanier, die eine Fremdsprache beherrschen. Deshalb klappt es hier ohne Spanisch-Kenntnisse nur noch mit einer Verständigung mit "Händen und Füßen". Aber selbst dann, wenn Ihr Gesprächspartner sich mit Ihnen auf Deutsch unterhalten kann, werden Sie mehr Vertrauen gewinnen, wenn Sie selbst mit ihm Spanisch sprechen können. Eine wirklich echte menschliche und freundschaftliche Beziehung zu einem Spanier erlangen Sie nur auf diese Weise.
Auch in anderer Hinsicht ist Anpassung gefragt. Der Tagesablauf in Spanien unterscheidet sich stark von unseren Gewohnheiten. Während wir meist das Frühstück als wichtigste Mahlzeit am Tag bezeichnen, nimmt der Spanier in der Regel nur einen Kaffee, manchmal verbunden mit einem kleinen "Brandy" zu sich. Das hängt wohl damit zusammen, dass die "cena", das Abendessen, sehr spät und äußerst reichlich ausfällt. Zwischen 14 und 16 Uhr wird das Mittagsmahl, die "comida", eingenommen. Anschließend ist Ruhe angesagt, es herrscht Siesta-Zeit. Vermeiden Sie es auf jeden Fall, zwischen 14 und 17 Uhr einen Spanier anzurufen! Die Siesta ist heilig und sollte nach Möglichkeit unter keinen Umständen gestört werden. Dagegen ist es übrigens überhaupt kein Problem, sich bis 23 Uhr abends telefonisch zu melden. Dies wird als völlig normal angesehen.
Den Essengewohnheiten entsprechend sind auch die Arbeitszeiten eingerichtet. Der Arbeitstag beginnt meist zwischen 9 und 10 Uhr. Nach einer ausgiebigen Mittagspause, die gegen 14 Uhr anfängt, arbeitet man dann weiter von 17 bis etwa 20 Uhr. Hierzu muss man allerdings erwähnen, dass im Zuge der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa und weltweit sich langsam eine Anpassung an die Arbeitszeiten der anderen Länder in Gang setzt. Seit dem 1. Januar 2006 wurden in Spanien für Beamte neue gesetzliche Arbeitszeiten festgelegt, und auch die Privatwirtschaft passt sich allmählich diesen Erfordernissen an.
Studien haben ergeben, dass Spanier gegenüber anderen Völkern in Europa am wenigsten schlafen. Dementsprechend wird hierzulande auch das Nachtleben ausgekostet. Zum Abendessen ins Restaurant geht man frühestens ab 22 Uhr, Diskotheken öffnen meist erst um drei Uhr morgens. Selbst das spanische Fernsehprogramm richtet sich nach diesen Gewohnheiten. Auf allen Kanälen fangen abendliche Spielfilme oder Shows nicht vor 22 Uhr an. Abgesehen davon spielt sich das Nachtleben der Spanier, vor allem in den Sommermonaten, weitgehend im Freien ab. Man sitzt auf der Terrasse, in einer offenen Garage oder auch auf einem kleinen Stühlchen vor dem Haus auf der Straße. Hier kommt man ins Gespräch mit den Nachbarn und plaudert, bis endlich eine erfrischende Kühle aufkommt und es Zeit ist, schlafen zu gehen.
Während man in Deutschland in einem Restaurant bemüht ist, sich so leise wie möglich zu unterhalten, um die anderen Gäste nicht zu stören, gelten in Spanien laute, lebhafte Gespräche und viel Gelächter als normal. Passen Sie sich einfach an. Beschwerden würden da sowieso nichts nutzen und Sie lediglich unbeliebt machen. Üblich ist auch, dass Spanier meist mit der ganzen Familie ins Restaurant ziehen und selbst sehr kleine Kinder bis spät nach Mitternacht aufbleiben und herumtollen. Spanier sind äußerst kinderlieb, es würde Ihnen niemals einfallen, ihren Nachwuchs ins Bett zu schicken und alleine auszugehen.
Überhaupt steht bei den Spaniern die Familie an erster Stelle. Vor allem in den ländlichen Gebieten kommt es heute noch oft vor, dass mehrere Generation unter einem Dach zusammenleben oder zumindest sehr nahe beieinander wohnen. Sollte dies nicht der Fall sein, dann wird häufig und ausgiebig telefoniert. In spanischen Familien ist auch heutzutage nach außen noch immer der Mann das Oberhaupt, während die Frau den Haushalt und die Kinder versorgt. Dabei mag der Einfluss der katholischen Religion, die hier in Spanien weiterhin sehr verbreitet ist, eine nicht unwesentliche Rolle spielen.
Spanier sind sehr gesellig und schließen im Allgemeinen schnell eine unverbindliche Bekanntschaft. Dies sollte man jedoch auf keinen Fall mit "echten" Freundschaften verwechseln. Wirkliches Vertrauen und Zuneigung entsteht auch hierzulande erst nach längerer Zeit und ist nicht mit jedem Menschen möglich. Die Unterschiede sind nach außen hin allerdings nicht so klar erkennbar. Trifft man einen Bekannten auf der Straße, bleibt es meist nicht, wie in Deutschland, bei einer kurzen Begrüßung. So gut wie immer werden zumindest ein paar Worte gewechselt, oft kommt es sogar zu einem längeren Gespräch. Meist begrüßt man sich in Spanien mit einem doppelten Kuss, auf die rechte und die linke Wange. Selbst bei nur flüchtigen Bekannten oder im Geschäftsleben kann man diese Geste beobachten.
Das Alltagsleben verläuft in Spanien wesentlich ruhiger und nicht so stressgeladen wie in Deutschland. Pünktlichkeit steht nicht an erster Stelle. Zu Verabredungen kommt ein Spanier nach seinem Empfinden noch absolut rechtzeitig, wenn er mindestens eine viertel Stunde später als vereinbart erscheint. Daran sollte man sich gewöhnen. Überhaupt wird alles etwas gelassener gesehen, man regt sich nicht so schnell über Kleinigkeiten auf. "Leben und Leben lassen" ist für Spanier eines der wichtigsten Gebote. Man lässt sich hierzulande nicht so leicht von Gesetzen beeinflussen, eigentlich hält jeder den anderen für sein Tun und Lassen selber verantwortlich. Zum Beispiel: Auch nach der Einführung des neuen Anti-Raucher-Gesetzes, das am 1. Januar 2006 in Kraft trat, darf in den meisten spanischen Bars und Restaurants noch immer zum Glimmstängel gegriffen werden. Und kaum ein Spanier regt sich darüber auf.
Ausländern, die sich ganz oder für einen längeren Zeitraum hier niederlassen, kann man nur raten, sich so weit wie möglich an die spanischen Gepflogenheiten anzupassen. Umso eher entsteht eine echte gesellschaftliche und soziale Eingliederung. Und dann macht das Leben unter der spanischen Sonne umso mehr Spaß und Freude.
Kommt Ihnen das alles ein wenig "spanisch" vor? Nun, die Spanier ihrerseits verstehen auch nicht alle unsere Bräuche und Gewohnheiten. Allerdings sagen sie dann " esto me suena a chino", was bedeutet: "es kommt mir chinesisch" vor. Eben, andere Länder - andere Sitten...
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